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Zu Zeiten der endlosen Serienfortsetzungen und verzahnten Geschichten fragt man sich unweigerlich: Muss man eigentlich jeden Vorgänger gespielt haben, um den neuesten Teil einer Reihe zu verstehen?
Nein.
Professor für Rune Factorylogie: Tjark Michael Wewetzer [Alanar] für PlanetSwitch.de##neue_seite##
Gut, vielleicht sollte ich meine Gedanken ein wenig erläutern. Tatsächlich fühlt sich manch einer bei langlebigen Serien ebenso eingeschüchtert wie fasziniert, wenn es um den Einstieg mit einem vielversprechenden, neuen Ableger geht. Schließlich möchte man ein optimales Erlebnis genießen können, was eben die Frage zur Nachholpflicht der Vorgänger zur Folge hat. Wenn sich diese Leute dann in Fachkreisen nach Meinungen umhören, kommt gerade bei storylastigeren Titeln schnell ein recht eindeutiger Tenor zustande: Jepp, man sollte auf jeden Fall ganz von vorn anfangen! Wie sonst würde man all die Nuancen und kleinen Anspielungen auf vergangene Ereignisse denn mitkriegen, die nur dem geschulten Fan mit ausgiebigen Wissen über die bisher erzählte Geschichte auffallen? Und da zum Beispiel im Videospielbereich viele aktuelle Hit-Serien gerne mal in diversen Neuauflagen auf aktuelle Systeme gebracht werden, wird einem das Nachholen ja sogar noch einfacher gemacht! Es gibt also keine Ausrede dafür, die epischen Sagen nicht ganz von vorne zu beginnen und perfekt vorbereitet in das nächste Opus einsteigen zu können!
Aller Anfang ist alt
Naja, abgesehen vom Zeit-Faktor vielleicht. Es sind zumeist gerade diese vielbeschworenen, tief miteinander verwobenen Mehrteiler, die je nachdem schon mal dreistellige Spielstundenzahlen in Anspruch nehmen können, wenn man denn als Neueinsteiger alles in regulärer Reihenfolge erleben möchte. Da wäre etwa die Kingdom Hearts-Reihe, die mit ihrem lang erwarteten, dritten Hauptspiel (hoffentlich) eine Geschichte abschließt, die in acht (!) vorherigen Teilen Stück für Stück aufgebaut wurde – und einer davon wird zurzeit sogar noch weitergesponnen. Das holt man nicht mal eben so an einem Nachmittag nach. Und eventuell möchte man das auch gar nicht, denn ein zweites Merkmal gerade bei langlebigen Serien ist, dass sie sich im Laufe der Zeit natürlich auch weiterentwickelt haben. Um beim Disney-Square-Crossover zu bleiben: So liegen das erste Kingdom Hearts und Birth by Sleep strukturell und spielerisch dermaßen weit auseinander, dass sich der deutlich jüngere PSP-Teil fast schon wie ein komplett anderes Spiel anfühlt – wie ein deutlich besseres Spiel, wenn man es allein aufs Gameplay runterbricht. Da kann die vergleichsweise langsamere Action des Serieneinstands mit ihren simpleren und weniger effektgeladenen Manövern nicht unbedingt mithalten. Und vom Brückenspiel zwischen Kingdom Hearts 1 und 2, das wieder ein komplett anderes Kampfsystem mit merkwürdigen Dungeons vermengt, will ich gar nicht erst anfangen. Nun möchte ich die jeweiligen Qualitäten der Einzelspiele nicht komplett unter den Teppich kehren, denn sie haben nicht umsonst die Reihe am Leben gehalten und viele Fans um sich scharen können. Doch jemand, der sich durch die Trailer von Kingdom Hearts 3 fasziniert fühlte und nun aus Pflichtgefühl zum Verständnis der notorisch als „wirr und übermäßig kompliziert“ eingestuften Handlung alles davor nachholen möchte, könnte allein dadurch schnell die Lust an der Reihe verlieren, bevor er endlich zum Auslöser dieses Nachspielbedarfs gelangt ist.

So erging es mir tatsächlich schon in diversen Fällen. Als The Witcher 3 erschien, wollte ich zunächst einmal endlich die ersten beiden Spiele erledigen, um storytechnisch auch auf dem aktuellen Stand zu sein. Nur konnte ich mich als jemand, der mittlerweile eher ungerne am PC zockt, schlussendlich nie dazu aufraffen, allein den allerersten Teil bis zum Abspann zu zocken. The Witcher 2 habe ich bis heute nicht angefasst. Das liegt teilweise auch daran, dass ich die Welt bei weitem nicht mehr so faszinierend fand wie damals zum Release vom ersten The Witcher – die Dialoge empfand ich durch die qualitativ gemischte Sprachausgabe eher als unfreiwillig komisch, manche Gebiete zu eintönig (mit freundlichen Grüßen an den Sumpf!) und das Kampfsystem bereitete mir auch keine Freude. Die Mass Effect-Reihe ist ein weiteres Beispiel für diesen schleichenden Motivationsverlust, obwohl ich hierbei immerhin die Konsolenversionen gezockt habe. So ermuntern die Macher hier sogar das lineare Durchspielen der originalen Trilogie, kann man doch seinen Spielstand und damit seinen persönlichen Commander Shepard nahtlos von einem Teil in den nächsten übernehmen. Dumm nur, dass ich auf der Xbox 360 angefangen hatte, nur um dann auf die Wii U zwecks Off-TV-Play umzusteigen und dort nicht meinen Spielstand aufgrund des restriktiven Vorgeschichts-Comics nachbauen zu können. Zwischenzeitlich hatte ich – auch, weil mir viele Details schlichtweg entfallen sind – einen erneuten Anlauf auf der PS3 gewagt, nachdem ich alle Teile samt DLCs zu einem recht ordentlichen Preis ergattern konnte, doch auch hier hat mich allein das erste Spiel schon wieder auf halber Strecke verloren. Dragon Age, Inazuma Eleven Go, Yo-Kai Watch… Ich könnte an dieser Stelle jetzt noch viele weitere Erfahrungen dieser Art aufführen. Der springende Punkt bleibt jedoch gleich: Nicht jeder hat das Durchhaltevermögen oder die Zeit, sich durch alle Vorgänger einer Reihe zu boxen, die zudem eventuell sogar viele Qualitäten vermissen lassen, wegen derer man überhaupt auf den neuesten Teil aufmerksam wurde.
Niemand wird zurückgelassen!
Dabei ist es absolut kein Weltuntergang, einfach als Quereinsteiger in die neueste Episode zu springen. Ich wage sogar zu behaupten, dass ein neuer Teil einer Reihe auf eigenen Beinen stehen können MUSS – gerade wenn es sich um eine Serie handelt, die seit mehr als einem Jahrzehnt läuft. Und tatsächlich geben sich die meisten Entwickler in dieser Hinsicht auch Mühe, um Neulingen selbst beim aktuellsten Kapitel ihrer verworrenen Geschichte am Ball zu behalten. Es kann sich um beiläufige Erwähnungen vergangener Taten handeln oder man bietet sogar eine komplette Enzyklopädie an, die alle wichtigen Eckpunkte der bisher erzählten Story aufgreift. So versucht beispielsweise Kingdom Hearts: Dream Drop Distance bereits, mit der Chronik zumindest die wichtigsten Eckdaten abzuhandeln. Als besonders kurios ist mir da ferner Warriors Orochi 4 im Gedächtnis geblieben, dessen komplette Vorgeschichte als Ladebildschirm-Lektüre unter die Hinweistexte gemischt wurde. Yakuza 3 für die PS3 bietet einem etwas mehr fürs Auge und liefert zusätzlich zu Text-Reminiszenzen auch Videoclips aus den beiden Vorgängern, damit Einsteiger direkt auf dem Laufenden sind.

Und Yakuza ist für mich auch gleich das Sprungbrett für den nächsten Punkt: Manchmal braucht man zum reinen Spielgenuss einfach nicht so viel Vorwissen, wie die Fangemeinde es anklingen lässt. Klar ist es cool, jedes Detail zu kennen, doch erstaunlich viele Mehrteiler-Erzählungen können tatsächlich für sich selber sprechen. So würde vermutlich jeder Yakuza-Fan potenziellen Interessenten dazu raten, mit Zero anzufangen – einerseits weil es chronologisch ganz am Anfang der Reihe steht, andererseits aber auch, weil das darauf folgende PS4-Remake des ersten Yakuza-Teils in wenigen Punkten darauf aufbaut. Dass Zero vermutlich auch eines der besten Spiele der Reihe ist, sei an dieser Stelle nur beiläufig erwähnt. Trotzdem halte ich persönlich es nicht für verkehrt, einfach mit einem beliebigen Hauptspiel der Reihe einzusteigen – schlichtweg weil ich damit keine schlechten Erfahrungen gemacht habe. Mein Erstkontakt mit der langen Geschichte um den Ex-Yakuza Kazuma Kiryu war tatsächlich der oben erwähnte dritte Hauptteil, welcher von manchen als einer der schwächeren, wenn nicht sogar als DER schwächste Teil gehandelt wird. Mir wurde aber schnell klar, dass der „schwächste Teil“ einer großartigen Reihe noch immer verdammt gut ist und so verlor ich mich direkt für die nächsten Wochen im virtuellen Okinawa und dem bunten Kamurocho. Großartige Probleme dabei, der Story zu folgen, hatte ich keine. Dabei verzichtete ich sogar darauf, mir die enthaltenen Prequel-Clips anzuschauen. Nun mögen mir ein paar augenzwinkernde Rückverweise entgangen sein, doch in der Regel wurde durch den Kontext schnell klar, was zuvor vorgefallen ist – selbst ohne ausschweifende Rückblenden.

Das ist auch nicht mein einziges Beispiel dieser Art. Die Atelier-Rollenspiele habe ich durch den Mittelteil der Arland-Trilogie liebgewonnen, mein Erstkontakt mit der darauf folgenden Dusk-Saga war ebenfalls das zweite Spiel des Dreiteilers. Bei den Sword Art Online-Videospielen war es erst der (technisch gesehen) dritte Teil, Lost Song, bei dem ich länger als über die Introsequenz hinaus gezockt habe, obwohl diese alternative Fortführung der Ursprungsgeschichte aus der Vorlage durchaus aufeinander aufbaut. Und das zuvor erwähnte The Witcher 3? Nach Aufgabe des ersten Teils holte ich es mir trotzdem und verlor mich direkt und trotz allgemeiner Open-World-Aversion in den weitläufigen Landen, mit denen ich Jahre später meine eigene PS4 einweihen sollte. In keinem Fall habe ich mich verlassen gefühlt, vielmehr stachelten die guten Erfahrungen mich dazu an, tiefer in diesen kleinen Kosmos einzutauchen und einfach mehr über die entsprechenden Welten zu erfahren. In manchen Fällen haben mir Zusammenfassungen von Fans gereicht, in anderen habe ich aktiv nach den Vorgängern Ausschau gehalten und diese nachgeholt. In allen Fällen empfand ich mich als Quereinsteiger jedoch nie als benachteiligt.
Keine Angst vor großen Zahlen
Insofern finde ich, dass man sich nicht von der eventuellen Nummer hinter dem Spieletitel einschüchtern und zur Aufholarbeit verdonnert fühlen lassen sollte. Natürlich gibt es hier und da Ausnahmen der Regel, wo man als Neuling wirklich auf verlorenem Posten ist oder sich nachträglich große Überraschungsmomente der Vorgänger vorwegnimmt – für letzteren Fall schießt mir dabei die Zero Escape-Reihe in den Kopf. Solche Fälle sind aber eben genau das: Ausnahmen. Wirklich gute Geschichten lassen sich nicht dadurch verderben, dass man etwaige Eckpunkte schon kennt. Und wirklich gute Spiele setzen nicht voraus, dass man vorher eine Doktorarbeit über die jeweilige Serie verfasst hat, nur damit man ansatzweise Freude daran haben kann. Man sollte niemals die Empfehlung, mit einem bestimmten Teil einzusteigen, mit einem Gebot gleichsetzen. Denn wer sich auf solche Ratschläge versteift, verpasst womöglich etwas, woran er riesige Freude gehabt hätte.
Professor für Rune Factorylogie: Tjark Michael Wewetzer [Alanar] für PlanetSwitch.de